1. Mai - Der Tag der Arbeit

Ausfhrliche Geschichte des 1. Mai

(12.12.2015) Vom Kampftag zum Feiertag - hier gibt es eine ausfhrliche Geschichte des 1. Mai

Die Geschichte des 1. Mai

Vom Kampftag zum Feiertag




Born in the USA

Zum 100. Jahrestag des Sturms auf die Bastille trafen sich am 14. Juli 1889 400 Delegierte sozialistischer Parteien und Gewerkschaften aus zahlreichen Lndern zu einem internationalen Kongress in Paris. Die Versammelten produzierten, wie auf Kongressen auch damals schon blich, eine Menge bedruckten Papiers, darunter eine Resolution des Franzosen Raymond Felix Lavigne, in der es hie:
"Es ist fr einen bestimmten Zeitpunkt eine groe internationale Manifestation zu organisieren, und zwar dergestalt, dass gleichzeitig in allen Stdten an einem bestimmten Tage die Arbeiter an die ffentlichen Gewalten die Forderung richten, den Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen (...). In Anbetracht der Tatsache, dass eine solche Kundgebung bereits von dem amerikanischen Arbeiterbund (...) fr den 1. Mai 1890 beschlossen worden ist, wird dieser Zeitpunkt als Tag der internationalen Kundgebung angenommen."

Zunchst war keine Rede von einer Wiederholung oder gar einer Institutionalisierung als Feiertag. Es schien aber wie ein stillschweigendes bereinkommen, dass die Arbeiterbewegungen der meisten Lnder davon gleichwohl ausgingen. Wieso entschieden sich die amerikanischen Gewerkschaften fr den 1. Mai?

Arbeitszeitverkrzung
Die Vorgeschichte begann zum Ende des Brgerkriegs 1865, als die amerikanischen Gewerkschaften erstmals die Forderung nach der Einfhrung des Acht-Stunden-Tags erhoben. Bis in die 1860er Jahre galten in den meisten US-Betrieben Arbeitszeiten von elf bis 13 Stunden, erst dann konnten sie den Zehn-Stunden-Tag als Regelarbeitszeit durchsetzen. Es sollten weitere beinahe zwanzig Jahre vergehen, bis sie 1884 die allgemeine und verbindliche Durchsetzung einer tglich achtstndigen Arbeitszeit in Angriff nahmen. Sie beschlossen, am 1. Mai 1886 dafr einen mehrtgigen Generalstreik zu fhren. Noch stand nicht der Termin, sondern die Forderung im Mittelpunkt.

Der Grund fr die Terminwahl war ein vllig banaler und wenig zur Mythenbildung geeignet: Der 1. Mai galt in den USA traditionell als "Moving day", als Stichtag fr den Abschluss oder die Aufhebung von Vertrgen, hufig verbunden mit Arbeitsplatz- und Wohnungswechsel. Der Acht- Stunden-Tag sollte in die neuen Vertrge aufgenommen werden. Dafr traten am 1. Mai 1886 rund 400.000 Beschftigte aus 11.000 Betrieben der USA in den Streik, aber nur fr 20.000 Arbeiter konnte er wirklich durchgesetzt werden. Diesen bescheidenen Erfolg berschatteten die Ereignisse in Chicago. Die Kundgebung am dortigen Haymarket endete in einem Desaster. Nach Darstellung der Polizei warfen Anarchisten eine Bombe auf die anwesenden Beamten, der sieben Polizisten zum Opfer fielen. Vier anarchistische Arbeiterfhrer wurden, obwohl keine Beteiligung am Anschlag nachgewiesen werden konnte, zum Tode verurteilt und gehenkt.

Der blutige Vorfall konnte den Kampf fr den Acht-Stunden-Tag nur vorbergehend unterbrechen. Im Dezember 1888 erklrten die in St. Louis versammelten Gewerkschaftsdelegierten, unter ihnen zahlreiche deutschstmmige Einwanderer, am 1. Mai 1890 erneut Streiks und Kundgebungen durchzufhren. Die Bewegung war nicht auf die USA begrenzt, im selben Jahr forderten zum Beispiel auch die franzsischen Gewerkschaften die Einfhrung des Acht-Stunden-Tags.


Der 1. Mai im Deutschen Kaiserreich (1890 - 1918)

Der Beschluss des Pariser Kongresses, den Kampf um den Acht-Stunden-Tag als internationale Aktion zu fhren, fiel mitten in die grte Streikwelle hinein, die das Deutsche Reich bis dahin erlebt hatte. Bis Dezember 1889 hatten 18 Gewerkschaften ihre Absicht erklrt, am kommenden 1. Mai zu streiken. Diese Erklrungen waren nicht unumstritten. Im Kaiserreich war die Streikneigung verglichen mit anderen Lndern eher gering. Das hatte nicht nur mit der Schwche der Gewerkschaften oder dem khleren Temperament des deutschen Michels zu tun. Als die Maifeier vorbereitet wurde, galt in Deutschland noch das Sozialistengesetz. Die sozialdemokratische Partei, der viele Gewerkschafter nahe standen, war zwar zu den Reichstagswahlen zugelassen, aber als Organisation verboten. Whrend der Vorsitzende August Bebel im Reichstag Reden hielt, musste die Parteizeitung Vorwrts in Schweizer Kse verpackt ber die Grenze geschmuggelt werden.

Die Unternehmerverbnde drohten fr den Fall von Streiks am 1. Mai mit Aussperrungen, Entlassungen und Schwarzen Listen. Wer darauf geriet, brauchte sich in seiner Gegend um Arbeit nicht mehr zu bemhen. Nur wenige Unternehmer, wie der Fabrikant Heinrich Freese oder Ernst Abbe (Zeiss Jena), der 1900 den 1. Mai als bezahlten (zunchst halben) Feiertag einfhrte, waren um sozialen Ausgleich und Deeskalation des Klassenkonflikts bemht. Sie nahmen es mit der Arbeitsruhe am 1. Mai nicht so genau oder feierten gar mit.

DGB ein Maienkind
Trotz drohender Sanktionen beteiligten sich am 1. Mai 1890 in Deutschland etwa 100.000 Arbeiterinnen und Arbeiter an Streiks, Demonstrationen und sogenannten "Maispaziergngen". Die regionalen Schwerpunkte bildeten Berlin und Dresden, aber auch Hamburg, wo es zu einem besonders erbitterten Arbeitskampf mit zeitweise 20.000 Beteiligten kam. Die Auseinandersetzungen zogen sich dort bis in den Sptsommer hin. Das war nur deshalb mglich, weil die Gewerkschaften die Aktionen an allen anderen Orten nach und nach aufgaben, um sich auf Hamburg konzentrieren zu knnen.

Es gelang ihnen zwar, das Koalitionsrecht zu sichern. Die im internationalen Vergleich bescheidene Forderung nach einem Neun-Stunden-Tag lie sich jedoch nicht durchsetzen. Es blieb, wie in den meisten anderen kapitalistischen Lndern, zunchst bei zehn Stunden als Regelarbeitszeit. Ein "Nebenprodukt" des Streiks resultierte aber aus der Erfahrung gemeinsamer Aktion. Sie bewog die Vertreter der Gewerkschaften zur Grndung eines Dachverbandes, der noch 1890 als "Generalcommission der Gewerkschaften Deutschlands" unter Fhrung Carl Legiens in's Leben trat: Die Geburtsstunde des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Die Sozialdemokratische Partei (SPD), gerade wieder zugelassen, beschloss auf ihrem Hallenser Parteitag im Oktober 1890, den 1. Mai als dauerhaften "Feiertag der Arbeiter" einzufhren. Um der Provokation die Spitze zu nehmen, wollte sie von Arbeitsruhe dort absehen, wo sich ihr Hindernisse in den Weg stellten. Partei und Gewerkschaften machten den Aufruf zum Streik von der wirtschaftlichen Lage des jeweiligen Betriebs abhngig. Wo er nicht mglich war, sollten am ersten Maisonntag Umzge und Feste im Freien stattfinden.

Mit dem Ersten Weltkrieg brach die Sozialistische Internationale auseinander. Die SPD entschied sich wie ihre Schwesterparteien in den meisten anderen Lndern fr ihr Vaterland und gegen Lohnbewegungen und Maikundgebungen. Die daraus resultierenden Konflikte zerrtteten die Familienverhltnisse in der Arbeiterbewegung. Auch die deutsche Sozialdemokratie zerbrach. Nach Kriegsende gab es zwei sozialdemokratische und eine kommunistische Partei (KPD), deren Vorlufer, der Spartakusbund, gegen den Krieg auftrat und bereits seit 1916 wieder zu Streiks und Maidemonstrationen aufrief.


Der 1. Mai verliert seine Unschuld (1919 - 1932)

Das Schicksal des 1. Mai und des Acht-Stunden-Tags in der Weimarer Republik war so wechselhaft, wie deren Geschichte. Der Rat der Volksbeauftragten, eine seit November 1918 amtierende kommissarische Revolutionsregierung aus SPD und Unabhngiger Sozialdemokratischer Partei (USPD), dekretierte als eine der ersten Amtshandlungen die Arbeitszeitverkrzung auf acht Stunden tglich. Den 1. Mai erklrte die Nationalversammlung im April 1919 zum gesetzlichen Feiertag. Das Gesetz war aber auf den 1. Mai 1919 begrenzt, die sptere Regelung sollte in eine internationale Lsung eingebunden werden und nach Friedensschluss und Verabschiedung der Verfassung erfolgen.

Versuche des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) und der SPD, den Tag der Arbeit ber 1919 hinaus als gesetzlichen Feiertag zu sichern, blieben vergeblich. Lediglich in den Lndern Braunschweig, Lbeck, Sachsen und Schaumburg-Lippe hatte er nach 1922 Bestand. Die brgerlichen Parteien argumentierten, dass der Feiertag einer einzelnen gesellschaftlichen Gruppe nicht allgemein verbindlich fr die ganze Gesellschaft sein knnte. Aus diesem Grund hatte die SPD 1919 bei den Verhandlungen in der Nationalversammlung dafr pldiert, aus dem Kampftag des Proletariats einen allgemeinen Volksfeiertag zu machen, um, so Reichsminister Eduard David (SPD), ihren Willen zur Klassenvershnung zu dokumentieren. Viele Unternehmer begriffen Maifeiern aber nach wie vor als Provokation. So fielen die klassenkmpferischen Parolen im "Arbeitgeber", dem Zentralorgan der Unternehmerverbnde, auf fruchtbaren Boden: "Auch in der Republik gilt der 1. Mai der Propaganda des Umsturzes, der Beseitigung des Privateigentums und der Errichtung der proletarischen Diktatur. Gleichgltigkeit gegenber der Maifeier bedeutet Kapitulation vor dem Marxismus." (zitiert nach Schuster 1991, S. 63.)

"Blutmai" 1929
In der Arbeiterbewegung selbst war die Frage, ob und wie der 1. Mai zu begehen sei, sehr umstritten. Die christlichen Gewerkschaften, seit Anfang des 20. Jahrhunderts mit einem eigenen interkonfessionellen Dachverband vertreten, lehnten die "marxistische Heerschau" ab. Ansonsten waren sie aber kaum weniger streikbereit und traten aktiv fr die Interessen der Arbeiter in Fragen der Arbeitszeit und des Arbeitsschutzes ein. Die Spaltung der sozialistischen Arbeiterbewegung zog auch die "Spaltung" ihres hchsten Feiertags nach sich. Whrend die Kommunisten strker den Kampfcharakter akzentuierten, begingen ihn die Sozialdemokraten eher als Festtag.

Einen traurigen Hhepunkt der Konflikte zwischen SPD und KPD bildete der 1. Mai 1929. Karl Zrgiebel, der sozialdemokratische Polizeiprsident von Berlin, hatte wegen befrchteter Unruhen ein Demonstrationsverbot ber die Stadt verhngt. Die KPD ignorierte das Verbot und veranstaltete Demonstrationen, in deren Verlauf es zu wilden Schieereien kam. Dabei wurden 28 Personen gettet, darunter auch vllig Unbeteiligte. Der Tag ging als "Blutmai" in die Geschichte ein und steht symbolisch fr die tiefe Zerrissenheit der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik. Aber es sollte noch schlimmer kommen.


"Tag der nationalen Arbeit" (1933 - 1945)

Der "Schwarze Freitag", der New Yorker Brsenkrach vom Oktober 1929, zog die deutsche Wirtschaft tief in den Abgrund. Bis 1932 entwickelte sich ein Arbeitslosenheer von ber sechs Millionen Menschen. Das entsprach einer Arbeitslosenquote von in der Spitze 33 Prozent - vor dem Hintergrund einer noch unzureichend entwickelten Arbeitslosenversicherung. Die Grundlagen der parlamentarischen Demokratie waren bereits 1930 ausgehhlt, seitdem vom Reichsprsidenten ernannte sogenannte "Prsidialkabinette" auf der Grundlage von Notverordnungen an den parlamentarischen Mehrheiten vorbei regieren konnten.

Die Gewerkschaften, fast 44 Prozent ihrer Mitglieder waren arbeitslos, sahen sich in der Defensive. Ihre Vorstnde wollten sich selbst dem Kabinett Hitler noch als unpolitische Fachvereine zur Vertretung ausschlielich beruflicher Interessen andienen. Der misstraute ihnen jedoch. Er brauchte sie auch nicht, wohl aber ihre Mitgliederbasis. Der Integration der Arbeiter in die nationalsozialistische "Volksgemeinschaft" maen die Nationalsozialisten hchste Prioritt zu, eine Schlsselrolle hierbei sollte die Maifeier 1933 einnehmen. Mitte April 1933 notierte Goebbels in "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei": "Den 1. Mai werden wir zu einer grandiosen Demonstration deutschen Volkswillens gestalten. Am 2. Mai werden dann die Gewerkschaftshuser besetzt. Gleichschaltung auch auf diesem Gebiet (...). Es wird vielleicht ein paar Tage Krach geben, aber dann gehren sie uns." Im April 1933 erklrte Hitler den 1. Mai zum "Feiertag der nationalen Arbeit".

Tragische Fehleinschtzung
In ihren internen Lageeinschtzungen zu Beginn des NS-Regimes gingen die Gewerkschaftsfhrungen davon aus, dass nun etwas hnliches zu erwarten sei, wie unter dem Sozialistengesetz. Sie glaubten immer noch, ihre Verbnde als unpolitische berufsstndische Organisationen durch eine, wie allgemein angenommen wurde, kurze Zeitspanne der NSDAP-Herrschaft lavieren zu knnen. Man rechnete mit "Schutzhaft" und Zuchthausstrafen, zum Teil waren sie schon in Kraft und waren auch Gewerkschafter betroffen: Eine tragische Fehleinschtzung, wie sich schon am 2. Mai zeigte. Hitler lie die Gewerkschaften zerschlagen, ihre Huser von SA- und SS-Trupps besetzen und zahlreiche Funktionre verhaften.

Der 1. Mai berlebte im Gegensatz zu seinen frheren Protagonisten die Hitlerzeit zweifellos auch deshalb, weil er dem Regime als hervorragende Kulisse fr Paraden, Aufmrsche und Leistungsschauen der deutschen Industrie diente. Die pathetische Inszenierung von Massenauftritten haben die Nationalsozialisten zwar nicht erfunden, aber sie haben die, wie Walter Benjamin es nannte, sthetisierung der politischen Macht zu ungeahnten Hhepunkten weiterentwickelt. Die Usurpation des alten Feiertags der Arbeiterbewegung war sehr weitgehend, vollstndig ist sie den Nationalsozialisten allerdings nie gelungen. Der 1. Mai war bis 1945 immer wieder Anlass fr Aktionen von Oppositionellen. Sie traten mit symboltrchtigen, oft waghalsigen Aktionen an die ffentlichkeit. Noch im Sommer 1933 fllten Unbekannte die von Hitler am 1. Mai auf dem Tempelhofer Feld in Berlin gepflanzte Eiche.


Feiern zwischen Trmmern (1946 - 1948)

1945 konnten an einigen von den alliierten Streitkrften bereits besetzten Orten die ersten freien Maifeiern seit 13 Jahren stattfinden, organisiert von berlebenden Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschaftern. Aber noch gab es an vielen Orten Kampfhandlungen, noch hatte die Wehrmacht nicht kapituliert. Diese Feiern fanden nur im kleinen Rahmen statt, denn die meisten Deutschen hatten anderes im Sinn, als Demonstrationen oder gar Streiks, die die Besatzer ohnehin nicht erlaubt htten. Sie kmpften um das nackte berleben, hungerten und hausten zwischen Trmmern.

Im April 1946 besttigte der alliierte Kontrollrat den 1. Mai als Feiertag. Dennoch trauten die Besatzungsmchte den Deutschen immer noch nicht hundertprozentig, so durften auf Anordnung der amerikanischen Militrverwaltung bei den Umzgen keine Fahnen und Transparente mitgefhrt werden. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) in der sowjetischen Zone hatte es da leichter, aber in einem Punkt glichen sich alle Maiumzge in Deutschland und entsprachen dem Bild, das dem Berichterstatter des Weser-Kuriers auf der Bremer Maidemonstration auffiel: Mnner in den Altersgruppen zwischen zwanzig und vierzig fehlten fast vllig. Wer nicht tot oder verwundet war, befand sich in Kriegsgefangenschaft oder irrte auf der Suche nach seinen Angehrigen quer durch Deutschland.

Bruch zwischen Ost und West
Die Entwicklung in Ost und West verlief bald in sehr unterschiedliche Richtungen, wie schon die Berliner Maikundgebungen 1946 deutlich zeigten. Die SPD in den westlichen Zonen der geteilten Stadt hatte sich im April der Zwangsvereinigung mit der KPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) erfolgreich widersetzt. Sie organisierte in den Bezirken Spandau, Neuklln und Schneberg eigene Demonstrationen, alternativ zu der sehr stark von der SED dominierten Gesamtberliner Veranstaltung.

Dennoch hatten viele Berliner die Hoffnung noch nicht aufgegeben, bald wieder gemeinsame Kundgebungen durchfhren zu knnen. Viele Deutsche hofften noch auf die Mglichkeit einer gesamtstaatlichen Entwicklung. Im Frhjahr 1948 war aber endgltig klar, dass es eine solche nicht mehr geben wrde. Die ehemals verbndeten Siegermchte USA und UdSSR waren zu Feinden im "Kalten Krieg" geworden und bezogen ihre jeweilige Besatzungszone fest in den eigenen Bndnisbereich mit ein.


Erster Mai in der DDR (1949 - 1989)

"Vorschlag fr den Ersten Mai: Die Fhrung zieht am Volk vorbei" skandierten vor mehr als zehn Jahren unzufriedene DDR-Brger. Nicht lange davor war am 1. Mai 1989 noch die halbe DDR auf den Beinen und defilierte vor der Fhrung. Erich Honecker winkte gutgelaunt zurck und lie sich von Jungen Pionieren Blumenstrue und Selbstgebasteltes berreichen.

Der 1. Mai war seit der Verabschiedung der ersten Verfassung der DDR 1949 staatlich garantierter Feiertag, nicht mehr Teil einer Gegenkultur und Gegenffentlichkeit. Am 1. Mai 1951 zog man vom Ostberliner Lustgarten auf den einstigen Schlossplatz, der inzwischen auf die Namen von Marx und Engels umgetauft war und von nun an zum zentralen Kundgebungsplatz wurde. Anders als im Westen Deutschlands wurde der Tag der Arbeit zum staatlich verordneten Ritual, mit dem die Fhrung auch eine Verbesserung ihrer Legitimation erstrebte. Deutlich wurde das in dem Versuch, wirtschaftliche Erfolge herauszustellen. Die Arbeiter mussten geloben, mehr zu produzieren und besser zu arbeiten. Nicht mehr der Kampf um soziale und politische Rechte, sondern das Bemhen um wirtschaftlichen Fortschritt stand im Mittelpunkt der Kundgebungen

Militrparaden
Seit 1956 wurden die Ostberliner Maifeiern mit einer Militrparade nach sowjetischem Vorbild erffnet. Der Aufmarsch der "gepanzerten Faust der Arbeiterklasse" vernderte das uere Bild der Maifeiern total. Die Partei- und Staatsfhrung nahm die Parade von der Balustrade des Volkskammergebudes hoch ber den Kpfen der ostdeutschen Bevlkerung ab. Erst nachdem USA und UdSSR den Kalten Krieg berwunden hatten, verzichtete die SED-Fhrung ab 1977 auf das militrische Ritual. Die Ehrentribne lie sie absenken, so dass auch wieder ein engerer Kontakt mit der Bevlkerung mglich war und Hnde geschttelt werden konnten.

Mit solchen Gesten allein konnte die Entfremdung zwischen Volk und Fhrung in der DDR allerdings nicht berwunden werden. 1988 wurde die Maikundgebung deshalb zur geschlossenen Gesellschaft, denn aus Angst vor oppositionellen Spruchbndern und Demonstrationen lie die Partei die Straenzge um die Karl-Marx-Allee grorumig von Kampfgruppen und FDJ abriegeln. Das Schauspiel wiederholte sich in hnlicher Form am 1. Mai 1989, nur dass das offizielle Maikomittee diesmal mit Blick auf die Demokratisierungsbemhungen Gorbatschows in der Sowjetunion auf den blichen Maigru an alle "Bruderlnder" verzichtete.


Der 1. Mai in der Bundesrepublik (1949-1989)

Seit der Grndung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) 1949 zeichnete der geschftsfhrende Bundesvorstand fr die Maifeiern verantwortlich und beschloss die Maiaufrufe und die zentralen Maiparolen. 1951 begrndete er die Tradition, die politischen Kundgebungen mit kulturellen Veranstaltungen zu umrahmen. Aus einer zunchst schlichten Feierstunde entwickelte sich spter eine Mairevue, auf der der DGB- Vorsitzende zwischen knstlerischen Darbietungen die gewerkschaftlichen Forderungen erluterte. Diese Veranstaltungen wurden von den Rundfunkanstalten der ARD, spter von den dritten Fernsehprogrammen bertragen bzw. in Ausschnitten gesendet.

Aber auch die Kulturveranstaltungen und die mediale Prsenz konnten nicht verhindern, dass sich seit Mitte der fnfziger Jahre ein deutlicher Trend zu sinkenden Teilnehmerzahlen einstellte. Selbst die Gewerkschaftsmitglieder begriffen den 1. Mai zunehmend weniger als Kampf- oder Feiertag der Arbeit, sondern vielmehr als Angebot zur individuellen Freizeitgestaltung. Der DGB versuchte, diesem Trend durch attraktive Massenveranstaltungen im Anschluss an die Kundgebungen entgegenzuwirken. Seit Ende der sechziger Jahre war tatschlich wieder eine Zunahme zu verzeichnen. Das hing mit der Neugestaltung der Maifeiern, aber auch mit den verschlechterten gesamtwirtschaftlichen Eckdaten zusammen. 1966/67 brach die erste Nachkriegsrezession ber die Bundesrepublik herein.

Neue soziale Bewegungen
Nicht nur wirtschaftlich und politisch, auch gesellschaftlich standen die Signale auf Vernderung, wie nicht zuletzt die Maifeiern in den spten sechziger und frhen siebziger Jahren dokumentierten. Neben den Gewerkschaften fhrten auch andere Gruppen Kundgebungen durch oder chaotisierten die offiziellen DGB-Feiern: So geschehen 1977 in Hamburg und Frankfurt, aber auch in anderen Stdten wie Bremen und Berlin, wo sie aufgrund oppositioneller Strmanver mehrere Jahre nur noch im Saal stattfanden. Bis zu den achtziger Jahren gelang es aber nach und nach, die Kluft zwischen der "alten" Arbeiterbewegung und den neuen sozialen Bewegungen zu verringern. Es wurde blich, am 1. Mai erst zur DGB- Veranstaltung und anschlieend zum alternativen Stadtteilfest zu gehen.

Der 1. Mai hatte von dieser Art Frhlingsknospen freilich wenig, denn der Trend zu rcklufigen Teilnehmerzahlen an den Kundgebungen setzte wieder ein. Anders als in frheren Zeiten gelang es dem DGB nicht mehr ohne weiteres, die sich verschrfenden Tarifauseinandersetzungen oder die Kampagnen fr die 35-Stunden-Woche und gegen den Streikparagraphen 116 (Arbeitsfrderungsgesetz) zu einer strkeren Mobilisierung zu nutzen. Das Ende des 1. Mai, gleich ob als Kampf- oder als Feiertag der Arbeitnehmer, schien nahe. Auch innerhalb der Gewerkschaften sahen manche, wie die TV-Chefin Monika Wulff-Matthies, die einzige berlebenschance in der Umwidmung in eine Art Volksfest fr die ganze Familie.


Der 1. Mai im vereinten Deutschland

Volksfest, Kampftag oder Feiertag, diese berlegungen gerieten schnell in den Hintergrund, als 1989/90 ganz andere Ereignisse die Aufmerksamkeit der Gewerkschaften in Anspruch nahmen. Beinahe ber Nacht hatte sich mit dem Zusammenbruch des Sozialismus die Welt verndert. Dem DGB- Vorsitzenden Ernst Breit hielt 1990 vor dem Berliner Reichstag die erste freie gewerkschaftliche Mairede an ein gesamtdeutsches Publikum seit 1932, seit beinahe 60 Jahren. Zugleich handelte es sich um den 100. Jahrestag des 1. Mai, eine wahrhaft historische Situation vor passender Kulisse.

Zunchst bescherte die staatliche Einheit der (west-)deutschen Wirtschaft einen Boom. Mahnende Stimmen, dass die berhastete Einfhrung der Marktwirtschaft und der DM die Absatzmrkte der DDR-Industrie wegbrechen lassen wrde, wischte Kanzler Helmut Kohl hinweg: In wenigen Jahren entstnden in den neuen Bundeslndern "blhende Landschaften". Wie sich bald zeigte, war der Gang zum Arbeitsamt das einzige, was vielen Ostdeutschen blhte. Nachdem der anfngliche Boom in eine Rezession umschlug, wurde deutlich, dass die ostdeutschen Lnder ber lange Jahre hinweg auf Hilfe aus dem Westen angewiesen sein wrden.

Teilen verbindet
Vor diesem Hintergrund entschloss sich der DGB, den 1. Mai 1992 unter das Motto "Teilen verbindet" zu stellen. Dieses Motto und die dahinter stehenden Gedanken stieen innerhalb der Gewerkschaften auf ein sehr geteiltes Echo. Viele Kritiker lehnten es als zu defensiv ab. Nach ihrer Meinung belastete die Bundesregierung die Arbeitnehmer mit den Kosten der Einheit im Vergleich zu Selbstndigen unverhltnismig. Solidarisches Teilen sei Sache der gesamten Gesellschaft, nicht blo einzelner Gruppen.

In den neunziger Jahren verfestigte sich fr kritische Beobachter der Eindruck, als sei der Gedanke solidarischen Teilens vllig in den Hintergrund getreten. So nahm IG Metall-Chef Klaus Zwickel den 1. Mai 2000 zum Anlass, an die Sozialpflichtigkeit des Eigentums zu erinnern und einzufordern, dass ihr ein hherer Stellenwert als dem Shareholder-Value eingerumt wird. Papst Johannes Paul II. forderte, die Menschen mssten endlich wieder den ersten Platz in der Wertehierachie der Arbeitswelt einnehmen.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts stehen die Gewerkschaften vor groen Herausforderungen. Mit der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) ist das organisatorische Fundament fr den bergang von der Industrie- in die Dienstleistungsgesellschaft gelegt. Auch die Gewerkschaftsbewegung der Zukunft wird auf Symbole nicht verzichten knnen. Der Tag der Arbeit spielt hier eine wichtige Rolle. Er bietet nach wie vor gute Mglichkeiten zur Selbstdarstellung und Ansprache an ein breites Publikum. Das spricht nicht gegen seine Modernisierung, denn immer noch leiden die Gewerkschaften unter zu geringem Zuspruch gerade der jungen Generation. Phantasievolle Aktionen, wie die Schweriner Jobparade und der Berliner Inlineskater-Block vom 1. Mai 2000 knnen dabei helfen, die Ideen Raymond Felix Lavignes und seiner Mitstreiter auch nach ber 110 Jahren an die nachfolgende Generation weiterzugeben.



Kleine Literaturauswahl

Udo Achten, Wenn ihr nur einig seid: Texte, Bilder und Lieder zum 1. Mai, Kln 1990.

Udo Achten/ Matthias Reichelt/ Reinhard Schulz, Mein Vaterland ist international. Internationale Illustrierte Geschichte des 1. Mai 1886 bis heute, Oberhausen 1986.
Horst Dieter Braun/ Claudia Reinhold/ Hanns-A. Schwarz (Hg.), Vergangene Zukunft. Mutationen eines Feiertags, Berlin 1991.

Dieter Fricke, Kleine Geschichte des Ersten Mai. Die Maifeier in der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, Frankfurt/M. 1980.

Inge Marolek (Hg.), 100 Jahre Zukunft. Zur Geschichte des 1. Mai, Frankfurt/M./Wien 1990.

Dieter Schuster, Zur Geschichte des 1. Mai in Deutschland, Dsseldorf 1991.


Quelle: DGB / Autor: Ralf Engeln



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